Heute behandle ich mal das Thema Suchtmittel in Schweden. Wie ich schon einmal berichtet habe, hat Schweden eine sehr restriktive Alkoholpolitik. Das hat auch seine Gründe. 1829 liegt der Brantweinkonsum bei 46 Litern pro Jahr und Einwohner und man schätzt, dass in Schweden 175’000 Brennkessel vorhanden sind. Dass ein so hoher Konsum zu Problemen führt, liegt auf der Hand. In der Minenstadt Falun beschlossen 1850 darum einige Minenbesitzer die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ab sofort konnte man Alkohol nur noch in speziellen Läden kaufen, der Systembolaget war geboren. Alle Gewinne wurden für gemeinnützige Zwecke eingesetzt. Kurz darauf zogen die grossen Städte nach und führten ein ähnliches System ein. Während dem ersten Weltkrieg wurde wegen der Lebensmittelknappheit die Lebensmittelrationierung eingeführt. Darunter war auch der Alkohol betroffen (Bratt-System). Rationsmarken (etwa 2-3 Liter Schnaps pro Monat) erhielt man jedoch nur wenn man einen ausgezeichneten Leumund hatte. 1920 wurder der Verkauf, Produktion, Import und Export von alkoholischen Getränken in staatlichen Händen monopolisiert. 1955 wurde die Rationierung wieder aufgehoben und aus den 41 lokalen Systembolaget-Unternehmen wurde ein staatliches Unternehmen geformt. Dieses System blieb von nun an 40 Jahre bestehen. 1995 trat Schweden der EU bei. Mit diesem Schritt musste der Staat das Monopol auf Import und Export freigeben. Von nun an war es den Bürgern erlaubt, selbst Alkohol ins Land zu bringen. Dies wurde auch rege genutzt und der Alkoholkonsum stieg zwischen 1995 und 2005 um 30%. Man muss sich vor Augen halten, dass man innerhalb der EU folgende Freimengen an Alkohol über die Grenze bringen darf:
- Spirituosen (mehr als 22% vol): 10 Liter
- Spirituosen (höchst 22% vol): 20 Liter
- Wein: 90 Liter (aber höchstens 60 Liter Schaumwein)
- Bier: 110 Liter
Bei diesen Mengen, Schmuggel und Schwarzbrennerei erstaunt es auch nicht, dass der Marktanteil von Systembolaget trotz Monopol nur gerage bei 30-50% (je nach Quelle) liegt. Um günstig an Alkohol zu kommen fahren viele Leute mit der Fähre nach Helsinki, Thallin oder Riga. Sobald man in interntionalem Gewässer ist, gehen die Läden auf dem Schiff auf und die Leute decken sich mit steuerfreiem Alkohol ein.
Der Systembolaget dient als Instrument der staatlichen Alkoholpolitik und verfolgt das Ziel, den Alkoholkonsum in Schweden einzudämmen. Alkohol mit mehr als 3.5 Volumenprozent Alkohol kann auschliesslich im Systembolaget gekauft werden. Zudem ist der Verkauf in den Systembolaget-Geschäften durch Gesetze stark reglementiert. Das Alterslimit ist 20 Jahre, es dürfen keine Mengenrabatte gewährt werden und Bündelungen (z. B. “Six-Packs”) sind verboten. Es darf auch keine Ungleichbehandlung einzelner Produkte stattfinden. Damit ist es zum Beispiel nicht möglich, nur Teile des Sortiments gekühlt anzubieten. Zudem hat der Systembolaget stark reduzierte Öffnunszeiten im Vergleich zu den anderen Geschäften. Unter der Woche sind die Läden bis maximal 7 Uhr offen. Seit 2001 wurde zudem der Samstagsverkauf (bis 15:00 Uhr) eingeführt. Ursprünglich wurde der Alkohol in den Systembolagets nur an bedienten Schaltern verkauft. Seit 1991 gibt es nun Selbstbedienungs-Systembolaget. Das Schaltersystem gepaart mit den Öffnunszeiten nur während der Woche hatten in früheren Jahren dazu geführt, dass man am Freitag Abend mehrere Stunden Schlange stehen musste, um Alkohol fürs Wochenende kaufen zu können.
Systembolaget Schalter
Selbstbedieunungs-Systembolaget
Trotz all dieser Einschränkungen sprachen sich 61% der Schweden 2007 für dieses System aus. Es hat nämlich auch seine Vorteile. Weil der Systembolaget kein Gewinninteresse hat, wird man in den Geschäften sehr kompetent bedient und die Angestellten helfen einem sehr gerne bei der Wahl des richtigen Getränks. Zudem ist die Auswahl an Getränken überwältigend. Der Systembolaget hat zum Beispiel über 3000 verschiedene Biere im Sortiment. Was nicht im Laden zu finden ist, kann bestellt werden und ist am nächsten Tag abholbereit. Und das nicht nur in den Städten, sondern im ganzen Land. Da der Systembolaget einen Markt von 9 Millionen Schweden bedient, ist er einer der weltweit grössten Alkoholeinkäufer. Weil der Systembolaget so grosse Mengen bezieht, können auch sehr speuielle Geschmäcker abgedeckt werden.
Auf seiner Homepage www.systembolaget.se findet man zudem das ganze Alkoholsortiment. Jedes Produkt ist beschrieben und man kriegt wertvolle Tips. Zum Beispiel das Bier Pripps Blå 5.2% (Artikelnummer: 1451).
Ich habe mal gesucht wieviele Produkte aus der Schweiz im Sortiment sind: 3 Absinths und 1 sehr spezielles und sackteures Bier. Alles andere könnte man sich aber bestellen. Das werden ich mal versuchen. Bin gespannt ob ich Quöllfrisch im Systembolaget bekomme
Also ich bin ein grosser Fan vom Systembolaget. Ok, nicht alles. Ich wollte zum Beispiel einen Kochwein kaufen. Der billigste Wein hat mich 8 Franken pro Liter gekostet. Ziemlich teurer Spass.
Aber eigentlich kaufe ich ja nur Bier im Systembolaget. Das ist eigentlich wieder ein Thema für sich. Es ist interessant wieviele verschiedene Biere es hier gibt. Bei uns gibt es Alkoholfreies “Bier”, dieses komische Zeug von Feldschlössen mit 2.5% und halt eben richtiges Bier. In Schweden ist das Bier in 3 Kategorien aufgeteilt:
- Lättöl (Leichtbier): bis 2.25% (keine Altersbegrenzung)
- Folköl: 2.25-3.5% (Verkauf: ab 18, Ausschank: ab 18)
- Starköl (Starkbier): >3.5% (Verkauf: ab 20, Ausschank: ab 18)
- -Mellanöl : 3.5-4.5% (nur historisch, wurde bis 1977 im Supermarkt verkauft und dann verbannt wegen zu hohem Konsum)
Auswahl verschiedener schwedischer Biere
Lättöl und Folköl können im Supermarkt gekauft werden (da <3.5%) und werden nicht besteuert. Starköl gibts dann nur noch im Systembolaget und der enthaltene Alkohol ist besteuert. Dies führt zu einem ganz lustigen und für mich nicht ganz verständlichen Bierangebot. Diese Auswüchse lassen sich schön am Beispiel Pripps Blå zeigen. Allein dieses Bier gibt es in 5 verschiedenen Ausführungen:
- Pripps Blå 2.2%
- Pripps Blå 2.8%
- Pripps Blå 3.5%
- Pripps Blå 5.2%
- Pripps Blå Extra Stark 7.2%
Pripps Blå
Mich hat es wunder genommen, wie verschieden die schwedischen Alkoholsteuern im Vergleich zur Schweiz sind. Die Alkoholsteuern auf Bier sind 4.5 mal höher und die Steuer auf Schnapps sind 2.5 höher in Schweden. Zudem kommt noch die Mehrwertsteuer von 25% dazu.
Um zu sehen wie teuer Pripps Blå in der Schweiz wäre, habe ich vom schwedischen Verkaufspreis alle Steuern (Alk & MWSt) abgezogen. Auf diesen schwedischen Grundpreis (blau) habe ich dann die schweizer Steuerbelastung draufgeschlagen. Im Vergleich sieht man nun, dass die Preisdifferenz Schweden/Schweiz umso grösser wird, je höher der Alkoholgehalt ist.
Weiter habe ich den Grundpreis von einem schweizer Feldschlösschen berechnet. Dabei sieht man, dass der Grundpreis des Biers in der Schweiz rund doppelt so hoch ist wie in Schweden. Ich habe den Verdacht, dass der Schweizer Konsument hier von Feldschlösschen ziemlich abgezockt wird. Es kann ja wohl nicht sein, dass die Produktion von Schweizer Bier doppelt so teuer ist.
Bier und Steuern Vergleich Schweiz/Schweden
Ähnliche Preisberechnungen hat auch die WHO angestellt:
| Produkt (Preise in Euro) | Schweden | Schweiz |
| Meist konsumiertes Bier (0.5 Liter) | 1.05 | 1.00 |
| Meist konsumierter Wein (0.75 Liter) | 5.94 | 6.00 |
| Meist konsumierte Spirituose (0.7 Liter) | 21.27 | 15.00 |
| Preis eines Big Mac | 3.55 | 4.00 |
Weiter hat die WHO in ihrem “Global Status Report on Alcohol 2004” Zahlen zum Alkoholkonsum veröffentlicht. Ich war ziemlich erstaunt. Die Schweiz schneidet ziemlich übel ab. Wir haben einen höheren Alkoholkonsum als Schweden, England und Russland. Das haben wir sicher den Wallisern zu verdanken
.
| Rank | Country | Litres of pure alcohol per capita |
| 1 | Iran | 0 |
| … | … | … |
| 129 | Sweden | 6.86 |
| … | … | … |
| 163 | Belgium | 10.06 |
| 164 | United Kingdom (the) | 10.39 |
| 165 | Finland | 10.43 |
| 166 | Saint Lucia | 10.45 |
| 167 | Russian Federation (the) | 10.58 |
| 168 | Switzerland | 11.53 |
| 169 | Hungary | 11.92 |
| 170 | Denmark | 11.93 |
| 171 | Spain | 12.25 |
| 172 | Lithuania | 12.32 |
| 173 | Slovakia | 12.41 |
| 174 | Portugal | 12.49 |
| 175 | Austria | 12.58 |
| 176 | Croatia | 12.66 |
| 177 | Germany | 12.89 |
| 178 | Bermuda | 12.92 |
| 179 | Reunion | 13.39 |
| 180 | France | 13.54 |
| 181 | Republic of Moldova (the) | 13.88 |
| 182 | Ireland | 14.45 |
| 183 | Czech Republic (the) | 16.21 |
| 184 | Luxembourg | 17.54 |
| 185 | Uganda | 19.47 |
Nun wieder etwas lustiges zum Thema Alkohol. Da einigen Schweden der Alkohol zu teuer ist, sind sie sehr kreativ. Um einem billigen Vodka einen besseren Geschmack zu verleihen, lassen sich im Supermarkt Alkohol-Essenzen kaufen. Diese Essenz kippt man in die Vodka-Flasche, schüttelt und fertig ist der Gin, Whisky, ….
Instant-Whisky
Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Recycling. In Schweden hat es auf allen Pet-Flaschen und Dosen Pfand drauf. Die leeren Büchsen kann man im Supermarkt in einen Automat zurückgeben. Dieser zählt die Flaschen und gibt am Schluss einen Beleg mit dem Pfand aus, welchen man an der Kasse wieder einlösen kann. Mit meinen 40 Dosen konnte ich mir so grad wieder 2 neue Bier kaufen. Ist doch schön wie sich so der Kreislauf schliesst
Flaschenpfand-Automat
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Nun noch zur zweiten Droge in Schweden: Snus
Snus
Snus ist ein mit Salzen versetzter Tabak, der unter die Ober- oder Unterlippe gesteckt wird. Hierbei wird etwa die gleiche Menge Nikotin resorbiert, wie dies bei einer Zigarette der Fall ist. Das Salz dient dazu, den pH-Wert im Mund aufrecht zu erhalten, was die Resorption von Nikotin begünstigt. Die weit verbreitete Meinung, dass Snus mit feinen Glassplittern angereichert wird, damit das Nikotin schneller in die Blutbahn gelangt, ist eine Fehlinformation, die zustande kam, weil das im Snus enthaltene Salz nach zu langer und trockener Lagerung auskristallisiert und dann bei entsprechendem Lichteinfall reflektiert.
Im Gegensatz zur Zigi kann man aber Snus überall konsumieren, im Restaurant, im Büro, in der Vorlesung, im Kino,… Dies hat zur Folge, dass in Schweden weniger geraucht wird als im Rest von Europa. Der Snus Konsum ist jedoch sehr männlich dominiert. 12% der männlichen Bevölkerung raucht, 19% der Männer nehmen Snus. Bei den Frauen rauchen 16% und nur gerade 4% konsumieren Snus.
Pikanterweise ist Snus in der EU (mit Ausnahme von Schweden) illegal. Auch in der Schweiz ist Snus nicht erlaubt. Zigaretten, Kau- und Schnupftabak sind aber erlaubt. Nimmt mich wunder wer diese Gesetze erlassen hat. Ich nehme mal an Snus ist nicht schädlicher als andere Tabakprodukte. Im Gegensatz zum Zigarettenrauch gibt es bei Snus jedoch keinen Passivkonsum. Tja, auf alle Fälle ist es “illegal”. Da unser Lebensmittelgesetz den Eigenkonsum nicht regelt, kann man Snus trotzdem straffrei konsumieren. Das Bundesamt für Gesundheit hat den Zollbehörden vorgeschlagen den Import von bis zu 1.2kg für den Eigengebrauch zuzulassen. Dabei muss man bedenken, dass ein Snus-Säckchen 1 Gramm wiegt und eine Snus-Box enthält 24 Säckchen.
Und nun fühle ich mich defintiv wie auf Drogen nach so viel tippen. Gute Nacht!








3. August 2010 um 23:37 |
Hej Marco,
einen sehr informativen Artikel hast du da geschrieben. Die Schweden haben in der Tat eine sehr spezielle Alkoholpolitik, an die ich mich erstmal gewöhnen musste (Deutschland steht laut WHO übrigens noch über der Schweiz was den Alkoholkonsum per capita betrifft
. Insgesamt finde ich die Regelung mit dem Systemborlaget aber sinnvoll.
Mitunter treibt die schwedische Alkoholpolitik allerdings lustige Blüten: In dem schwedsichen Ort, wo ich zur Zeit bin, gibt es einen sog. “Anti-Alkoholverein”, wo sich die Leute treffen und über präventive Maßnahmen gegen Alkoholismus usw. beraten. Dazu gibt’s Zimtschnecken und selbstgebrautes Wacholderbier
In diesem Sinne,
Hejda