Boatcruise nach Riga

Am Mittwoch Morgen hatte für meine zwei Betreuerinnen eine Pre-Präsentation gehalten. Danach habe ich Teil zwei und drei meiner was-ich-in-Schweden-noch-nicht-tun-konnte-und-jetzt-nachhole-Serie geplant. Der zweite Teil ist eine Fähren-Cruise nach Riga. Am Mittwoch Abend um 5 legte die Fähre im Hafen von Stockholm ab. Da mich niemand begleiten wollte, habe ich halt die 75 Franken selbst bezahlt. Für eine Fährenrundfahrt ist das schon teuer. Aber eigentlich immer noch drecksbillig. Aus diesem Grund war ich ganz alleine in einer 4er-Kabine unterwegs. Ich hatte meinen Kompiuter dabei und konnte ein bisschen arbeiten. Mein Büro war die MS Festival, welche in der Werft von Wärtsilä 1986 gebaut wurde und 1992 einem Facelifting unterzogen wurde. Mein Büro, welches von 4 Wärtsilä Diesel Motoren mit einer Leistung von 26200 kW angetrieben wird, hätte ich im dümmsten Fall mit 2000 anderen Passagieren teilen müssen.


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MS Silja Festival

Mein Büro

Abendstimmung im Stockholmer Archipel

Rushhour in den Schären

Alte Verteidigungsanlage irgendwo unterwegs (Ridingö)

Nach einer erholsamen Nacht kam ich 10 Uhr morgens in Riga an.

Riga (lettisch Rīga) ist die Hauptstadt Lettlands  und mit 720’000 Einwohnern grösste Stadt des Baltikums. Die Stadt liegt an der Daugava (Fluss), nicht weit von der Rigaischen Bucht. Die Bevölkerungszahl ist seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Republik Lettland 1991 um rund 180’000 zurückgegangen, da viele der in den Jahrzehnten zuvor dort angesiedelten Russen abgewandert sind, aber auch wegen des Geburtendefizits. Das spezielle an Riga ist die Rassenverteilung. Nach Zahlen von 2009 beträgt der Anteil der Letten an der Stadtbevölkerung mit 42.3 % eine knappe Mehrheit, dicht gefolgt von den Russen (41.3%).

Und nun wieder ein bisschen Wikipedia-Geschichte:
Nach 1150 kamen Kaufleute regelmässig zum Handel an den Unterlauf der Düna (lettisch: Daugava) am Flüsschen Rīdzene (deutsch: Riege, daher auch der Name Rīga). Im Jahre 1201 wurde die Stadt Riga gegründet und war die Hauptstadt von Livland (lateinisch: Livonia). Riga war vor allem Sitz der Erzbischöfe von Riga, aber auch eine immer bedeutender werdende Handelsstadt, die der Hanse angehörte. Im Rahmen der Ostkolonisation versuchten die Bischöfe vor allem Deutsche im heidnischen Gebiet anzusiedeln. Militärisch wurden sie dabei vor allem von deutschen Ritterorden unterstützt. Der Deutsche Orden war eine organisatorisch eigenständige, machtvolle kirchliche Organisation, die bald als neuer Machtfaktor zu den Erzbischöfen von Riga in Konkurrenz trat. Im Jahre 1522 schloss sich Riga der Reformation an, womit die Macht der Erzbischöfe ihrem Ende entgegenging. Nach der Abdankung des letzten Bischofs im Jahre 1561 kam die Stadt unter den Einfluss von Polen-Litauen. 1621 wurden Riga durch Schweden erobert und blieb bis Anfang des 18. Jahrhunderts die zweitgrösste Stadt im schwedischen Herrschaftsbereich. 1710 ergab sich im Laufe des Grossen Nordischen Krieges die Stadt nach längerer Belagerung den russischen Truppen und Riga wurde an das Zarenreich angeschlossen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Riga schrittweise zu einem der wichtigsten Häfen Russlands ausgebaut. Trotz russischer Herrschaft blieb sowohl die Stadtkultur als auch der Grossgrundbesitz bis ins 19. Jahrhundert vom Einfluss der deutschen Oberschicht im Lande geprägt. Bis 1891 war die offizielle Amtssprache Deutsch, dann wurde Russisch Amtssprache. Der Aufstieg Rigas wurde durch den Ersten Weltkrieg jäh unterbrochen. Nach der deutschen Besetzung 1917/18 gelang es den Letten, am 18. November 1918 eine unabhängige Republik auszurufen und Riga wurde zur Hauptstadt Lettlands. Gegen Anfang der 1930er Jahre ging diese Blütezeit langsam zu Ende. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurde Lettland nicht nur von den neu aufkeimenden Strömungen der Sowjetunion bedroht, die eine Angliederung des ehemals russischen Territoriums forderten. Im Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 vereinbarten die beiden Diktaturen, das Baltikum und damit auch Lettland der sowjetischen Einflusssphäre zuzuweisen. 1940 rollten sowjetische Panzer durch Rigas Strassen und besetzten die Stadt, die nun Hauptstadt der Lettischen Sowjetrepublik wurde. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 eroberten deutsche Truppen das Gebiet um Riga wieder. Die jüdische Bevölkerung, die 1933 noch ca. 44’000 Mitglieder hatte, wurde im Rigaer Ghetto interniert, ermordet oder in andere Konzentrationslager deportiert. 1944 wurde Lettland durch die roten Armee erneut von der Sowjetunion okkupiert und Riga wurde die Hauptstadt der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Ermutigt durch Perestroika und Glasnost erklärte das Lettische Parlament, 1990 die Wiederherstellung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Am 21. August 1991 erkannten sowohl die Sowjetunion als auch im gleichen Jahr der russische Präsident Boris Jelzin die Unabhängigkeit Lettlands an. Riga wurde wieder Hauptstadt eines souveränen lettischen Staates.

Nachdem ich mich an den festen Untergrund gewöhnt hatte und die mich orientiert hatte, machte ich auf zur Stadterkundung. Als erstes sind mir die schön grossen Pärke aufgeffallen, die im Frühling und Sommer sicher wunderschön sind. Weiter ist die Altstadt wunderschön und die meisten Gebäude sind uralt aber renoviert. Aus diesem Grund wurde Riga 1997 ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen.

Brücke in einem Park, an deren Geländer extrem viele Vorhängeschlösser

Jeder kennt den Brauch Verliebter, Herzen und Namen in Baumrinden zu schnitzen. Das hier ist eine moderne Variante: Offensichtlich gravieren oder ritzen Verliebte in Rīga Ihre Namen in ein Vorhängeschloss und ketten das an eine Fussgängerbrücke im Park.

Das 42 Meter hohe Freiheitsdenkmal ist ein Symbol der Freiheit und der Unabhängigkeit Lettlands. Es ist allein von Mitteln, die das Volk gespendet hat, in den Jahren von 1931 bis 1935 erbaut worden.

Freiheitsdenkmal

Um die Jahrhundertwende wurden im Grüngürtel um die Altstadt zahlreiche repräsentative Gebäude errichtet:

Neugotische Lettische Kunstakademie

Zwischen 1876 und 1884 entstand die Orthodoxe Kathedrale (Rīgas Kristus Piedzimšanas pareizticīgo katedrāle) im neubyzantinischen Stil.

Nationaloper

Nationaltheater

Nachdem ich die schönen Jugenstilhäuser und andere historisch wertvolle Gebäude betrachtet habe, stach ich in die Altstadt um meinen Entdeckungsdrang zu stillen.

Platz in der Altstadt

Um die Mitte des 13. Jahrhunderts scharten sich die Handwerker in verschiedenen religiösen Brüderschaften, doch dann bildeten sie ihre Zünfte entsprechend den Handwerksberufen der damaligen Zeit. Diese Zünfte vereinigten sich zur Wahrung ihrer Interessen in der Handwerkergilde, die anfangs ihren Sitz in einer  Kapelle des aufgelösten Franziskanerklosters fand. Da dieses Haus in seinen Ausmassen kleiner war als das Gildenhaus der Kaufleute, wurde es als Kleine Gilde benannt.  Auch die Kaufleute vereinigten sich im 13. Jahrhundert zu einem Verband, der Kaufmannsgilde, und wählten zu ihrem Sitz das ehemalige Refektorium des aufgelösten Franziskanerklosters, heute die grosse Gilde genannt.

Kleine Gilde

Grosse Gilde

Das Katzenhaus, welches gegenüber den Gilden liegt, wird so genannt, weil die Erkerdächer von Katzenfiguren aus Kupfer geschmückt werden. Der Hausbesitzer hatte damit seinerzeit die Überlegenheit über die Kaufmanngilde demonsitriert, als er nicht in Gilde aufgenommen wurde.

Katzenhaus

Typische Altstadthäuser

Die evangelisch-lutheranische St. Johanniskirche war anfangs eine Kapelle des 1234 gegründeten Dominikaner-Klosters. Um die Wende zum 16ten Jahrhundert wurde die Kirche erweitert. Eine schöne Fassade mit dem in Riga einzigen Stufengiebel entstand.

St. Johanniskirche

Die ev.-luth. Pfarrkirche zu St. Petri ist eine der ältesten mittelalterlichen Sakralbauten im Baltikum. Der Bau entstammt dem Anfang des 13. Jahrhunderts und hat seit seinem Bestehen mehrere Bauperioden erfahren. Der 1690 in Barockformen als Holzkonstruktion erbaute Kirchturm war seinerzeit der höchste seiner Art. Die Kirche ist mehrmals vollständig ausgebrannt (1677, 1721, zum letzten Mal am 29. Juni 1941). Das Kirchengebäude wurde 1970 wiederaufgebaut und der Kirchturm 1973, doch dann als Stahlkonstruktion.

Pfarrkirche zu St. Petri

Teil der alten Befestigungsanlage

Der Ursprung des Schwarzhäupterhauses ist das 1334 erbaute „Neue Haus“ für die Angehörigen der Gilden. Seit dem 15. Jahrhundert benutzten die Schwarzhäupter (Vereinigungen zumeist (nord)deutscher Kaufleute) das Haus. In der Zeit vom 18. bis 20. Jahrhundert war das Schwarzhäupterhaus einer der Brennpunkte des kulturellen Lebens. Hier wurden Konzerte veranstaltet und hohe Gäste empfangen. Das Haus wurde am 29. Juni 1941 zerstört. 1995 nach vierjähriger Bauzeit fand die feierliche Wiedereröffnung des Schwarzhäupterhauses statt.

Schwarzhäupterhaus

Rathaus

Der Grundstein zum Bau des Domes – heute Kathedrale des ev.-luth. Erzbischofs Lettlands – ist im Jahre 1211 gelegt worden. Die Kirche vereinigt in sich die Formen der späten Romanik, der Frühgotik und des Barocks und bildet zusammen mit dem Kloster ein Ensemble. Es ist der größte Sakralbau Lettlands.
1709 brach in Riga eine Typhus- und Cholera Epidemie aus und raffte etwa ein drittel der Bevölkerung hin. Auslöser für die Epidemie war wahrscheinlich eine Überflutung der Gruften beim Dom.
Im Dom befindet sich die weltweit viertgrösste Orgel mit 6768 Pfeifen, welche 1880 erbaut wurde.

Der Dom

Anglikanische Kirche

Römisch-Kathlische Mater-Dolorosa-Kirche (jaja, so unschuldig weiss)

Die zweite Rigaer Ordensburg wurde 1330 – 1350 als Residenz des Ordensmeisters erbaut. Im Jahre 1484 wurde sie von den Rigensern zerstört und bis 1515 wieder hergestellt. Der Bleiturm ist am Anfang des 16. Jahrhunderts erbaut worden. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Vorburgen mehrmals umgebaut. 1785 – 1787 ist ein dreistöckiger Vorbau zur Unterbringung zaristischer Behörden errichtet worden, womit die Burg ihre mittelalterliche Gestalt verlor. 1938 wurde bei der Anpassung des Schlosses an die Repräsentationsbedürfnisse der Regierung der “Dreisterneturm” errichtet. Heute dient ein Teil des Schlosses dem Staatspräsidenten zur Arbeit und zu Empfängen.

Schloss vom Fluss her

Sicht auf das Schloss von der Altstadt

Die “drei Brüder” sind eines der seltenen Beispiele, wo drei auf schmalen Grundstücken gebaute Häuser nebeneinander stehen. Die Häuser sind uralt und haben ihren Ursprung im 17ten Jahrhundert.

Die 3 Brüder

Die katholische St. Jacobikirche hat während ihres Bestehens, besonders nach der Einführung der Reformation, oft die Zugehörigkeit zum Glaubensbekenntnis gewechselt. Im Jahre 1923 wurde sie letztlich dem katholischen Erzbischof Lettlands als Kathedrale überlassen. Der frühgotische Sakralbau wurde erstmals
1226 erwähnt.

St. Jacobikirche (ich bin so stolz)

Das Schwedentor ist das einzige Tor das aus den Toren der Befestigungsmauer erhalten ist. 1698 wurde im Wohnhaus eine abschliessbare Durchfahrt ausgebrochen, um die an  die Aussenseite der Mauer bebauten Häuser und Kasernen mit der Innenstadt zu verbinden.

Das Schwedentor

Das längste Haus in der Altstadt ist die Jakobskaserne (das muss hier schon erwähnt werden) aus dem 18ten Jahrhundert, in der sich nun Kafés und Büros befindet.

Jakobskaserne (links in gelb)

Der Pulverturm stand an einer scharfen Ecke der Rigaer Ringmauer und trug anfangs den Namen Sandturm. Erstmals wurde er 1330 erwähnt, doch hat er sicher schon früher dort gestanden. Seinen neuen Namen erhielt er zu der Zeit, als Schiesspulver in seinen Kellern gespeichert wurde. Nach der Vervollständigung der Befestigungsanlagen mit Wällen und Basteien verlor der Turm seine ursprüngliche Bedeutung und stand einsam da.

Pulverturm

Nachdem ich etwa alles in der Altstadt angesehen hatte, verliess ich diese und unterquerte die Eisenbahngleise in den Süden der Stadt. Ich fand mich in einer anderen Welt wieder. Alles wie man es in einer Sovjetstadt erwartet: heruntergekommene Häuser, Dreck, ein Markt auf dem man so ziemlich alles für wenig Geld kaufen kann, verwahrloste Leute, Alkoholiker,… Einfach herrlich, wie in der Ukraine ;-) . In diesem Stadtteil (Moskauer Vorstadt genannt) befinden sich in den ehemaligen Zeppelin-Hallen der Zentralmarkt. Sogar die Architektur sah extrem Sovjetisch aus. Oder zumindest die des im stalinistischen Zuckerbäckerstil 1958 erbaute Kultur- und Wissenschaftspalast:

Kultur- und Wissenschaftspalast

Mattscheibe im Osten

Von der Moskauer Vorstadt leif ich dann zur Daugave und bummelte entlang des Flusses zum Fährenterminal. Ohne die lärmige 4-spurige Strasse gleich neben dem wunderschönen Strandboulevard, hätte ich die Aussicht auf den futuristischen Fernsehturm und die schöne Brücke noch mehr geniessen können. Der Fernsehturm, welcher 1986 fertiggestellt wurde, ist mit einer Höhe von 368 Meter das höchste Gebäuder der EU.

Fernsehturm

Strandweg und die Brücke, die der Herr Jakob schön findet

Mit dem Fluss verbindet sich die Stadtgründungslegende um den heiligen Christophorus. In alten Zeiten, als es Riga noch nicht gab, trug ein hochgewachsener Mann (der Große Christoph genannt) an der Stelle, wo heute Riga liegt, Menschen über den Daugavafluss. Als Unterkunft hatte sich Christoph eine Hütte am rechten Ufer errichtet. Eines Nachts hörte er, wie am anderen Ufer ein kleines Kind weinte. Er wollte es sogleich über den Fluss holen. In der Mitte des Flusses aber wurde ihm das Kind so schwer, dass er es nur mit großer Mühe herüberbrachte und in seiner Hütte schlafen legte. Am nächsten Morgen fand er anstelle des Kindes einen Beutel voller Goldmünzen. Christoph hielt das Geld zusammen bis zu seinem Lebensende. Nach seinem Tode wurde das Geld zur Gründung Rigas verwendet. Die ersten Häuser wurden an der Stelle gebaut, wo Christophs Hütte gestanden hatte.

Der grosse Christoph

Und nun noch ein paar Kuriositäten. Als erstes sind mir die Parkierkünste dieses Autofahrers aufgefallen:

Warum ein Smart kaufen, wenn man auch so in kleinen Parklücken parken kann

Sehr unerwartetes Gebäude. Aber was soll die Österreicher Flagge (Lettland) davor? ;-)

Habt ihr schon mal eine herzigere und kleinere US-Botschaft gesehen? Richtig Understatement.

Lustige Kunst

Ähm….genau! Warum ein Türschloss kaufen, wenns auch so geht.

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